Fujiyoshida

Auf unserem Weg Richtung Norden können wir beobachten, wie die Landschaft draußen immer spärlicher besiedelt wird. Außerdem wird es spürbar kälter.

Unser Gastgeber Kazuyoshi holt uns vom Bahnhof ab und bringt uns zum Haus seiner Eltern. Dort wohnen wir in einen traditionellen Tatami Raum mit Blick auf den Mt Fuji. Tagsüber steht hier ein Tisch, an dem man auf dem Boden sitzt, nachts legt man Matten zum Schlafen auf den Boden. Wir bekommen einen Willkommenstee und Süßigkeiten aus roten Bohnen serviert und legen uns für die Nacht schlafen.

Nachdem wir uns am Morgen fertig gemacht haben, kommt Yazus Vater aufgeregt mit einem Tablet in unser Zimmer. Er tippt auf seine Übersetzungsapp, woraufhin eine elektronische Frauenstimme so etwas sagt wie “Das Mahl ist angerichtet zu sein”. Wir folgen ihm ins Wohnzimmer und finden einen reichlich gedeckten Frühstückstisch. Unter den erwartungsvollen Blicken der Gastgeber probieren wir höflich Fisch, Salat, Reis, Suppe, Muscheln, eingelegtes Gemüse und Hühnerflügel. Kazus Vater zeigt uns währenddessen stolz ein paar Fotos von Gästen und einen Bericht über ihre Unterkunft, der vor einem Jahr vom japanischen Fernsehen gemacht wurde.

Trotz des regnerischen Wetters fahren wir gegen Mittag mit Kazu zum Sengen Schrein, einem der schönsten, die wir hier bisher gesehen haben.

Das Gelände umfasst neben dem Hauptschrein auch noch mehrere kleine Stationen, an denen man sich zum Beispiel die Hände und den Mund mit Wasser vom Mt Fuji reinigen kann.

An anderen kann man sich die Zukunft auf Papierstreifen vorhersagen lassen. Wenn einem die Voraussage nicht gefällt, kann man diesen Streifen an eine dafür vorgesehene Leine knoten und so um Abwendung des Unheils bitten. Am Hauptschrein lernen wir zu beten: Eine Münze in die Truhe werfen, dann zwei Mal verbeugen, zwei Mal klatschen und währenddessen etwas wünschen, dann noch einmal verbeugen. Ich tue wie geheißen und wünsche mir besseres Wetter.

Besser hätte ich mir eine Million Euro gewünscht, denn siehe da, kurz darauf klärt sich der Himmel und die Sonne beginnt entgegen aller Vorhersagen zu scheinen. Wir nutzen die Gelegenheit für einen Ausflug in die Natur rund um den Fuß des Mt Fuji. Auf den Berg können wir auf dem Hinweg leider nur einen kurzen Blick aus dem Bus erhaschen, denn bald sind wir von den Bäumen des beginnenden Aokigahara umgeben. Um diesen Wald ranken sich zahlreiche Spukgeschichten, da hier tatsächlich immer wieder Menschen herkommen, um Selbstmord zu begehen.

Wir steigen hinab in eine Höhle, die durch einen Lavaausbruch entstanden ist und nun zahlreichen Fledermausarten ein Zuhause bietet. Die Decken sind teilweise kaum einen Meter hoch und wir fühlen uns unangenehm beklemmt, als wir durch die engen Gänge krabbeln.

Wieder an der Erdoberfläche angekommen machen wir uns auf den Weg durch den Aokigahara. Dabei suche ich noch immer nach dem abgesperrten Eingang aus dem Film “The Forest”, den ich letztes Jahr gesehen habe und aus dem ich die Geschichten um den Wald überhaupt erst kenne. Zwar finden wir auf unserem Weg weder Leichen noch Geister, doch kann ich gut nachvollziehen, welche Faszination dieser Ort auf die Menschen ausübt. Kilometerweit kann man im Wald umherirren und wenn man lange genug ins Dickicht starrt (und vermutlich die Geschichten kennt), fängt man tatsächlich irgendwann an, merkwürdige Dinge zu sehen und zu fühlen.

Nachdem wir uns ein paar Mal fast verlaufen hätten, finden wir endlich das besagte Schild, und zum Glück auch den Zugang zur Eishöhle.

Dort steigen wir wieder hinab, dieses Mal wird es zur Enge auch noch eisig kalt, was aber niemanden wundern sollte, da im unteren Teil der Höhle Eisschichten seit teilweise zehntausend Jahren gefroren sind.

Als wir aus der Höhle kommen, beginnt es bereits zu dämmern und wir müssen den letzten Bus bekommen, was etwas traurig ist, weil es in dieser Gegend noch so viel zu sehen gibt.

Am Abend wollen wir noch ein Sushi-Restaurant ausprobieren, das Kazu uns empfohlen hat und das bei den Einheimischen sehr beliebt ist - offensichtlich, denn als wir ankommen, müssen wir tatsächlich eine Nummer ziehen und in einem Wartezimmer Platz nehmen. Nach etwa 20 Minuten wird für uns ein Platz an der Theke frei. Das Prinzip ist eine Art Running Sushi, das durch einen Touchscreen am Platz ergänzt wird, falls einem die Gerichte auf dem Band nicht so zusagen und man etwas Spezielles bestellen möchte.

Wir probieren uns einmal quer durch die Karte, die wirklich groß ist und zum Beispiel auch ein Cheeseburger Nigiri beinhaltet oder eine Schüssel voller frittierter Knorpel, die Kenny sich versehentlich nimmt - zugegeben sahen sie von außen auch recht lecker aus.

Da seine Mutter nicht zuhause ist, bereitet Kazu uns am nächsten Morgen selbst das Frühstück zu - “European Style”, wie er es nennt. Es gibt jeweils einen kompletten Fisch, dazu Reis, ein halbrohes Ei und eine weiße Suppe, die auch irgendwie nach Fisch schmeckt.

An diesem Tag erkunden wir Fujiyoshida, den Heimatort von Kazus Eltern. Es ist eine sehr ländliche Gegend mit Blick auf den Mt Fuji und fußläufig zu einigen schönen Orten, wie Schreinen oder der Chureito Pagoda, die wir heute besuchen.

Nach gefühlt tausend Stufen nach oben befinden wir uns auf einer Aussichtsplattform, von der aus wir eine perfekte Sicht auf den Mt Fuji genießen können.

Nach unserem Ausflug treffen wir uns mit Kazu, der uns freundlicherweise mit nach Gotemba nimmt, wo er unter der Woche wohnt und von wo aus wir zur nächsten Station unserer Reise weiterfahren.