Tokio

Als wir morgens in Tokio landen, haben wir durch die lange Reise und die Zeitverschiebung bereits jedes Zeitgefühl verloren. Trotzdem machen wir uns freudig zu Fuß auf den Weg in Richtung unserer Unterkunft. In der Stadt ist es schülwarm und laut und es fällt schwer, den Überblick zu behalten.

Unterwegs kommen wir an der Sunshine Street, einer Art Mall, vorbei, und beschließen, uns diese einmal anzusehen. Innen befinden sich neben den üblichen Geschäften und Restaurants auch ein Hotel, ein Aquarium, ein Planetarium und etliche Spielhallen. Besonders begeistert sind wir natürlich vom Pokémon Center, wo es jeden nur erdenklichen Merchandise, aber auch Spielautomaten mit Pokémon-Spielen zu entdecken gibt.

Vor allem in der Anfangszeit sehen wir uns von den einfachsten Aufgaben wie Essen, der Benutzung einer Toilette oder Bahnfahren immer wieder vor Herausforderungen gestellt.

An unserem ersten Morgen sind wir mit Yasuhide verabredet, einem japanischen Biologen, den Kenny auf einer Konferenz in Moskau kennen gelernt hat.

Mit ihm fahren wir nach Asakusa, einem alten Stadtteil von Tokyo, das für seine vielzähligen Schreine und die ursprüngliche Architektur bekannt ist. Hinter dem berühmten Tor mit der roten Laterne befindet sich eine Gasse, in der sich ein Souvenirshop an den anderen reiht.

Leider sind so viele Touristen unterwegs, dass man kaum dazu kommt, sich in Ruhe umzuschauen und alles auf sich wirken zu lassen.

Als uns das Getümmel zu viel wird, flüchten wir in eine Seitengasse. Eine Frau mit einer Eule auf der Schulter wirbt für ein Eulencafé und hat damit meine Aufmerksamkeit erregt. Yasu belächelt die Idee zwar, stimmt aber zu, mit uns hinein zu gehen. Drinnen ist alles mit Kunstpflanzen behangen, um den kleinen Raum wie einen Wald wirken zu lassen und überall sitzen Eulen, insgesamt bestimmt 20-30 Stück.

Wenn kein Schild etwas Gegenteiliges sagt, dürfen alle Eulen angefasst werden. Allerdings wirken diese davon gar nicht begeistert, weshalb ich darauf lieber verzichte. Einige der japanischen Besucher kennen da weniger Abstand und setzen den Vögeln sogar die dafür extra bereitgestellten kleinen Hüte auf.

Nach diesem skurrilen Erlebnis gehen wir mit Yasu in ein Restaurant, wo wir auf seine Empfehlung hin Sobanudeln essen. Anschließend möchten wir nach dem historischen Stadtteil als Kontrast etwas Modernes und Verrücktes von der Stadt sehen. Dazu fahren wir nach Akihabara, dem Zentrum für Elektronik- und Mangashops. Hier den Überblick zu behalten, ist unmöglich: Alles blinkt und bewegt sich und die Läden versuchen mit schriller Musik und Promotern mit Megafonen die Aufmerksamkeit der Passanten zu gewinnen.

Wir besuchen einen 5-stöckigen Mangastore und ein Elektronik-Kaufhaus, dessen Angebot weit über Elektronik hinaus wirklich alles bietet, was man sich vorstellen kann. Nachdem sich Yasu verabschiedet hat, erkunden wir noch auf eigene Faust ein paar Läden Akihabaras, um auch nur einen Bruchteil der Eindrücke auf uns wirken lassen zu können.

Am nächsten Tag machen wir uns gegen Mittag auf den Weg zum Tsukji Fischmarkt. Bei 30 Grad und brennender Sonne macht uns allein der Weg dorthin zu schaffen. Als wir ankommen, herrscht auf dem Markt bereits Aufbruchsstimmung. Die Händler putzen ihre Stände, Kisten werden verladen und auf kleinen Wagen durch die verwinkelten Gänge gefahren, nur noch vereinzelt sieht man ein paar Fische und Meeresgetier herum liegen.

Etwas enttäuscht, dass wir für die Fischhändler zu spät dran sind, verlassen wir die Markthalle und finden uns direkt in einem Outdoor-Markt wieder, der neben allerlei Fisch noch vielfältige andere Waren anbietet und uns für die anfängliche Enttäuschung entschädigt.

Hier probieren wir mutig alles, was uns die Händler anbieten. Als wir irgendwann richtigen Hunger bekommen, suchen wir uns ein kleines Sushilokal aus, das den Fisch frisch vom Markt zubereitet und serviert. Kenny nimmt eine gemischte Sushiplatte, ich traue mich und bestelle eine Art kleinen Eimer voller rohem Fisch, der bei den anderen Gästen sehr beliebt zu sein scheint.

Uns beiden schmeckt das Essen größtenteils ausgesprochen gut, bei ein paar wenigen Teilen - welche Fische das im Einzelnen waren, werden wir wohl nie erfahren - müssen wir uns allerdings etwas überwinden.

Anschließend machen wir uns zu Fuß auf den Weg zum Hama Rikyu, einem traditionellen Japanischen Garten inmitten von Wolkenkratzern des Tokioter Geschäftsviertels.

Hier gehen wir eine ganze Weile spazieren und genießen die Ruhe, an der es ansonsten in der Stadt eher mangelt.

Gegen Abend fahren wir mit der Bahn nach Shibuya, einem Hotspot für das Mode- und Nachtleben in Tokyo. Hier überqueren wir die berühmte riesige Kreuzung, auf er es bei jeder Grünphase von Fußgängern nur so wimmelt.

Wieder blinkt eine Straßenecke mehr als die andere, zudem werden hier an allen Ecken mehr oder weniger offensichtliche Liebesdienste angeboten, von Live-Shows über “Love for 2000 Yen” bis hin zu den Love Hotels, die sich hier an einem bestimmten Hügel aneinander reihen. Diese kann man zu zweit wahlweise für ein oder zwei Stunden (“rest”) oder für die ganze Nacht mieten.

Die Zimmerwahl erfolgt über einen Automaten, auf dem man ein Bild des Zimmers drückt und bezahlt, persönliche Daten werden nicht aufgenommen. Dies macht die Love Hotels zu einem beliebten Ziel von Prostituierten und Affären, allerdings werden sie auch von ganz normalen japanischen Paaren besucht, die eine Abwechslung zu den kleinen, hellhörigen Wohnungen suchen.

An unserem letzten Tag in Tokyo müssen wir uns aus den zahlreichen Möglichkeiten entscheiden, welche Erfahrungen wir noch mitnehmen möchten. Unsere Wahl fällt auf Harajuku, einem Szeneviertel für Mangas und Cosplayer.

Hier ist ein Laden bunter als der andere und ich bin hin und hergerissen zwischen alles kaufen wollen und nichts wirklich tragen können - denn zu welchem Anlass würde ich so etwas wirklich anziehen? In all diesem Trubel werden wir von einer Gruppe Schulmädchen in typischen Uniformen angesprochen, ob sie ein Foto mit uns machen können.

Zu Mittag essen wir in einem Geschäftsviertel nahe Shinjuku, wo uns eine Japanerin anspricht, die gerade Mittagspause hat. Die Unterhaltung hatten wir hier schon etliche Male: Sie fragt uns, woher wir kommen, wir sagen aus Deutschland und sie erzählt begeistert, wie schön es bei uns doch sei und welche Stadt sie schon besucht hat (Berlin / Köln / München sind die meistgenannten). Außerdem seien wir in den Augen der Japaner alle so fleißig und ordentlich und freundlich, im Grunde eine bessere Version von ihnen selbst. Sie fragt uns, was wir an Japan bisher besonders verrückt fanden. Mir fällt als erstes die unfassbare Reizüberflutung auf den Straßen Tokyos ein, die ständige Verbeugerei, die Verniedlichung von Alltagsgegenständen, die Toiletten... Während ich noch überlege, korrigiert sie mich, weil ich für meine Suppe zu einem Löffel gegriffen habe - die esse man ja eigentlich mit Stäbchen…

Unsere nächste Station ist das Sanrio Puroland, eine Art Freizeitpark und Zuhause der Hello Kitty Familie. Wir besuchen ein paar Fahrgeschäfte und Shows und natürlich ist alles unendlich “kawaii” und mit Liebe zum Detail gemacht - sogar die Toiletten gleichen einer Bilderbuchmärchenkulisse.

Durch die fröhliche Musik, den süßlichen Duft überall und die vielen absurd niedlichen Charaktere, die durch die Räume tanzen, werden wir schnell eingelullt von der überschwänglichen Stimmung.

Bevor wir aus Tokyo aufbrechen, besuchen wir noch Koishikawa Korakuen, einen der ältesten und schönsten Gärten Japans.

Es ist wieder brütend heiß und wir sind ein gefundenes Fressen für die heimischen Moskitos. Davon abgesehen ist der Park allerdings wirklich sehr malerisch, eben wie ein japanischer Garten aus dem Bilderbuch - inklusive handzahmen Koi-Karpfen.